Anwendungsgebiete
Wofür medizinisches Cannabis eingesetzt wird
Diese Liste ist nach Evidenzstärke sortiert, nicht nach Verordnungshäufigkeit — und die beiden Reihenfolgen sind fast das Gegenteil voneinander. Ganz oben stehen zwei Indikationen mit einem zugelassenen Arzneimittel dahinter. Die mit Abstand häufigste Verordnungsindikation, chronischer Schmerz, steht in der Mitte, weil seriöse Fachinstitutionen sich dort offen widersprechen.
„Zugelassenes Arzneimittel“ heißt: Eine Behörde hat die Studien geprüft und ein konkretes Präparat für diese Indikation zugelassen — nicht, dass Cannabisblüten dafür wirken. „Umstritten“ heißt: dieselben Studien, verschiedene Schlüsse. „Schwach“ heißt genau das — nicht widerlegt, aber auch keine Basis für sichere Versprechen.
Spastik bei Multipler Sklerose
Zugelassenes Arzneimittel
Nabiximols (Sativex), ein THC:CBD-Spray, ist europaweit als Zusatztherapie zugelassen, wenn andere Behandlungen nicht ausreichen. In kontrollierten Studien ein realer, aber moderater Nutzen.
Fürs Arztgespräch: Das ist die Indikation mit dem klarsten Weg — ein zugelassenes Arzneimittel gibt es. Die Erstattung ist damit aber nicht automatisch: In Österreich steht Sativex im Gelben Bereich des Erstattungskodex und braucht eine chefärztliche Bewilligung, in der Schweiz läuft die Vergütung ohnehin nur über den Einzelfall nach Art. 71a–71d KVV.
Was 2024–2026 dazukam — Zwei Metaanalysen von 2026 quantifizieren, was Cochrane 2022 qualitativ sagte: Nabiximols senkt Spastik (standardisierte mittlere Änderung −1,29) und Schmerz (−0,88) deutlich, die Behinderung (EDSS) kaum (−0,17) — symptomatische, keine krankheitsmodifizierende Therapie. Signale jenseits der Spastik (Blase, Schlaf, Gang) sind explorativ, Sicherheit der Evidenz niedrig bis sehr niedrig. Einstufung unverändert.
Schwere kindliche Epilepsien (Dravet, Lennox-Gastaut)
Zugelassenes Arzneimittel
Gereinigtes Cannabidiol (Epidyolex) senkte die Anfallsfrequenz in placebokontrollierten Studien und ist EMA-zugelassen. Es ist die stärkste cannabisbezogene Evidenz überhaupt — und sie kommt ohne THC aus.
Fürs Arztgespräch: Wichtig für das Gespräch: Hier wirkt CBD, nicht THC. Wer daraus ableitet, dass CBD-Öl aus dem Shop bei Epilepsie hilft, verwechselt ein zugelassenes Arzneimittel mit einem Nahrungsergänzungsmittel.
Was 2024–2026 dazukam — Bestätigt und geschärft: Eine Metaanalyse von 7 RCTs (1 154 Patientinnen und Patienten, 2026) findet unter zusätzlichem oralem CBD eine reproduzierbare Reduktion der Anfallshäufigkeit (relatives Risiko 0,72; bei Dravet 43 % weniger Anfälle unter 20 mg/kg/Tag), bei akzeptablem Sicherheitsprofil — mit Leberwerterhöhungen unter Valproat und Somnolenz unter Clobazam. Eine syndrom- und altersgeschichtete Analyse (46 Studien, 2 592 Patientinnen und Patienten, 2026) sieht bei etwa der Hälfte eine Anfallsreduktion ≥ 50 %, Anfallsfreiheit bei 5,7 %; welche Untergruppe besonders profitiert, lässt sich nicht belastbar sagen. Einstufung unverändert: die stärkste Evidenz im Feld, für gereinigtes CBD.
Wenn Sie für einen Angehörigen suchen. Für Eltern und Sorgeberechtigte: Epidyolex (Cannabidiol) ist in der EU für das Dravet- und das Lennox-Gastaut-Syndrom ab zwei Jahren (in Kombination mit Clobazam) sowie für Anfälle bei tuberöser Sklerose zugelassen; die Verordnung erfolgt durch die behandelnde Kinderneurologie oder Epileptologie, und als zugelassenes Fertigarzneimittel in zugelassener Indikation ist es eine reguläre Kassenleistung — der Antrag nach § 31 Abs. 6 SGB V ist dafür nicht nötig. Andere Cannabisarzneimittel bei Minderjährigen sind Einzelfallentscheidungen der behandelnden Ärztin; das Gesetz kennt keine Altersgrenze, die Fachgesellschaften raten außerhalb der zugelassenen Indikationen zur Zurückhaltung.
Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie
Moderate Evidenz, zugelassenes Arzneimittel
Nabilon ist als Zusatztherapie zugelassen, wenn Standard-Antiemetika versagen: ältere Studien, konsistenter Effekt, spürbare Nebenwirkungen.
Fürs Arztgespräch: In Deutschland bleibt Nabilon auf dem Betäubungsmittelrezept, auch nachdem Cannabis 2024 ins MedCanG überführt wurde — das betrifft die Belieferung in der Apotheke.
Was 2024–2026 dazukam — Ein systematischer Review von 32 RCTs (1 889 Patientinnen und Patienten, 2025) zeigt: Cannabinoide schlagen Placebo, aber fast alle Vergleiche liefen gegen veraltete Antiemetika; nur eine Studie verglich mit dem heutigen Standard (5-HT3-Antagonist + NK1-Antagonist + Dexamethason) — mit Nutzen, aber deutlichen Nebenwirkungen. Keine Studie hoher, 29 von 32 schlechter Qualität. Die Autorinnen und Autoren halten die Evidenz für eine Empfehlung für unzureichend. Einstufung unverändert: Reserveoption, wenn der Standard versagt.
Chronische Schmerzen, auch neuropathische
Umstritten — Fachinstitutionen widersprechen sich
Der ehrlichste Satz des ganzen Feldes: Seriöse Institutionen lesen dieselben Studien und kommen zu verschiedenen Schlüssen. Die NASEM fand substanzielle Evidenz, die IASP verweigert eine Empfehlung, NICE rät außerhalb von Studien ab, und Cochrane findet bei neuropathischem Schmerz kleine Nutzen gegen relevante Schäden.
Fürs Arztgespräch: Das ist die mit Abstand häufigste Verordnungsindikation — und die, bei der Sie am ehesten auf Marketing treffen, das den Streit nicht erwähnt. Wer den Dissens kennt, führt ein besseres Arztgespräch.
Was 2024–2026 dazukam — Die zwei gewichtigsten Aktualisierungen bestätigen das schwache Bild. Cochrane 2026 (16 RCTs, 1 750 Teilnehmende, neuropathischer Schmerz): Schmerzlinderung um mindestens 50 % bei 21 % gegenüber 17 % unter Placebo (NNTB 20), um mindestens 30 % bei 39 % gegenüber 33 % (NNTB 11); dafür Nebenwirkungen des Nervensystems bei 61 % gegenüber 29 % (NNTH 3) und psychiatrische bei 17 % gegenüber 5 % (NNTH 10); Nutzen und Schaden bleiben „unklar“, Evidenz niedrig bis sehr niedrig. Der AHRQ-Living-Review (letzte Aktualisierung Juli 2025): ausgeglichenes THC:CBD-Spray wahrscheinlich kleine Verbesserung von Schmerz und Funktion (moderate Sicherheit), THC-dominant möglicherweise kleine Verbesserung (niedrige Sicherheit), CBD-dominant wahrscheinlich keine — jeweils mit deutlich mehr Schwindel, Sedierung und Übelkeit. Einstufung unverändert.
Schlafstörungen
Schwache Evidenz
Kurzfristige kleine Effekte in einigen Studien, meist als Nebenendpunkt von Schmerzstudien. Eine Gewöhnung entwickelt sich, und das Absetzen kann den Schlaf vorübergehend verschlechtern. Kein Cannabinoid ist irgendwo für Insomnie zugelassen.
Fürs Arztgespräch: Die wirksamste Behandlung der chronischen Insomnie ist eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT-I) — sie steht in den Leitlinien vor jeder medikamentösen Option. Fragen Sie danach, bevor Sie über Cannabis sprechen.
Was 2024–2026 dazukam — Hier hat sich am meisten bewegt — nach oben, aber nicht weit. Erstmals gibt es RCT-Metaanalysen mit Schlaf als primärem Endpunkt: 10 RCTs (2 134 Teilnehmende, 2026) finden weniger Insomnie-Schwere (−3,7 Punkte), bessere Schlafqualität und etwa 34 Minuten mehr Schlaf; 6 RCTs (1 077, 2025) bestätigen die Verbesserung der subjektiven Schlafqualität — nur für THC-haltige Präparate, nicht für CBD allein. Dagegen findet die Polysomnographie (18 Studien, 2025) keinen konsistenten Effekt auf die Schlafarchitektur, und der Entzug nach chronischem Konsum verschlechtert den Schlaf zuverlässig; die 54-RCT-Metaanalyse in Lancet Psychiatry 2026 sieht mehr Schlafzeit, aber keine Besserung der Insomnie-Symptome. Einstufung bleibt „schwach“: subjektiv messbar, objektiv nicht, Langzeitdaten fehlen.
Angststörungen
Schwache Evidenz
Kaum kontrollierte Studien zu den tatsächlich verordneten Produkten; die größte Metaanalyse fand spärliche Evidenz niedriger Qualität. THC wirkt dosisabhängig gegenläufig: niedrig dosiert kann es Angst lösen, höher dosiert auslösen.
Fürs Arztgespräch: Hier ist besondere Vorsicht angebracht, nicht besondere Hoffnung — und eine Psychose in der Vorgeschichte ist ein hartes Ausschlusskriterium.
Was 2024–2026 dazukam — Die direkte Aktualisierung von Black 2019 — 54 RCTs, 2 477 Teilnehmende, Lancet Psychiatry 2026 — findet keinen signifikanten Effekt auf Angstsymptome und pro sieben Behandelte ein zusätzliches unerwünschtes Ereignis; Fazit der Autorinnen und Autoren: der routinemäßige Einsatz bei psychischen Störungen ist „derzeit selten gerechtfertigt“. Ein CBD-spezifisches Signal existiert (8 Studien, 316 Teilnehmende, 2024: großer Effekt), ist aber klein und heterogen. Einstufung unverändert.
Posttraumatische Belastungsstörung
Unzureichend — Leitlinien raten ab
Viel Beobachtungs-Hype, fast keine kontrollierte Evidenz. Die US-Leitlinie VA/DoD rät bei PTBS ausdrücklich von Cannabis ab, und Cannabiskonsumstörungen sind in dieser Gruppe häufiger.
Fürs Arztgespräch: Wenn Ihnen ein Anbieter PTBS als Indikation anbietet, ohne diesen Leitlinienstand zu erwähnen, sagt das mehr über den Anbieter als über die Therapie.
Was 2024–2026 dazukam — Vier Arbeiten 2024–2026 stützen die VA/DoD-Empfehlung gegen Cannabis: Lancet Psychiatry 2026 (3 RCTs) findet keinen Effekt auf PTBS-Symptome; ein Scoping-Review (26 Studien, 3 598 Patientinnen und Patienten, 2026) sieht in 7 RCTs nur ein positives Signal — Nabilon gegen Albträume in einer Studie mit 10 Personen — während die größte RCT mit gerauchtem Cannabis (80 Personen) keinen Unterschied zu Placebo zeigt; ein Review 2024 findet keinen Gesamtnutzen und bei gleichzeitiger Cannabis-Gebrauchsstörung durchweg Verschlechterung; die Leitlinie des Utah Center for Medical Cannabis (April 2025) nennt die Evidenz „unzureichend“. Einstufung unverändert.
Palliativmedizin, Appetit und Kachexie
Schwache Evidenz
Ältere Evidenz für Appetitsteigerung bei HIV-assoziiertem Gewichtsverlust; Studien zur Tumorkachexie überwiegend enttäuschend. Ein individueller palliativer Nutzen ist möglich, auf Gruppenebene nicht gezeigt.
Fürs Arztgespräch: In der Palliativsituation gelten andere Maßstäbe als in der Dauertherapie — die Frage ist dort nicht die Studienlage allein, sondern was der Person jetzt hilft.
Was 2024–2026 dazukam — Zwei Arbeiten von 2024 bestätigen NASEM 2017: Bei Krebs steigert THC den Appetit, bringt aber weniger Gewicht als Megestrol allein (3 % gegenüber 11 %), und Dronabinol mit oder ohne CBD verbessert gegenüber Placebo weder Appetit noch Gewicht, Übelkeit oder Lebensqualität; ein Expertengremium (J Pain Symptom Manage 2024) sieht die Evidenz als unzureichend, um Cannabinoide bei Anorexie-Kachexie zu stützen oder zu verwerfen — außerhalb von Studien werden sie dafür kaum verordnet. Für HIV-bedingten Gewichtsverlust bleibt die alte Zulassung von Dronabinol die Grundlage. Einstufung unverändert.
Wenn Sie für einen Angehörigen suchen. Für Angehörige: Die Verordnung läuft über die behandelnde Ärztin, das Palliativteam oder die Hausarztpraxis; sprechen und entscheiden kann nur die Patientin selbst oder, wo eine Vorsorgevollmacht oder Betreuung besteht, die bevollmächtigte Person. Für gesetzlich Versicherte in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) muss die Kasse über einen Antrag nach § 31 Abs. 6 SGB V innerhalb von drei Tagen entscheiden — sonst gelten drei Wochen, fünf mit Medizinischem Dienst. Blüten sind seit dem 30. Juli 2026 auch hier keine Kassenleistung mehr; Extrakte, Dronabinol und Nabilon bleiben möglich.
Und in Ihrem Land?
Ob eine Indikation überhaupt behandelbar ist, hängt nicht nur von der Evidenz ab, sondern davon, was das Recht Ihres Landes zulässt und wer bezahlt. In Österreich etwa gibt es keine Blüten, sondern Dronabinol und drei Fertigarzneimittel; in Deutschland zahlt die Kasse seit dem 30. Juli 2026 keine Blüten mehr.
Was auf dieser Liste fehlt
Vieles, wofür Cannabis tatsächlich verordnet wird — ADHS, Migräne, Fibromyalgie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Endometriose, Tourette. Diese Indikationen fehlen hier nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil wir für sie keine belastbare Quellenlage haben, die eine eigene Aussage tragen würde. Sobald wir eine haben, kommen sie dazu — mit demselben Maßstab wie alle anderen.
Der vollständige Text mit dem Schmerz-Dissens, den Zahlen und den Primärquellen: Wo medizinisches Cannabis wirkt — und wo nicht. Wer noch ganz am Anfang steht: Was ist medizinisches Cannabis?